Der Marathon

 

landscape

1. Perspektive

Der Marathon
beginnt
beflügelt
beschwingt
Höhenflüge
der Perfektion
im höchsten Ton
mit Lobgesängen
begleitet
zu mehr und
schneller
verleitet

2. Perspektive

Der Marathon
hart
Ziel
gleich
Start

das
Ende
als
Wende
zur Ruhe
gibt es
nicht

höher
schneller
besser
ruft
das Ich
darum
kein
Halt
die Füsse
geballt
ohne
Pause

wo das
zu Hause?
und doch

trotz Schnauf
im Strudel
rafft sich
auf denn nur
wem’s gelingt
den nächsten
Hügel
erklimmt als
Sprungbrett
für die nächste
Hürde
verschwommen
im Schatten des
Horizonts
begonnen

der Fokus
gerichtet

den Berg
gesichtet
erneut
der Lauf zum
Gipfel
beginnt
an Etappen
beklatscht
bewundert
begehrt
und erreicht
als
one of the best
Mount Everest

3. Perspektive

Auf dem
höchsten
Berg
im prallen
Sonnenschein
blutend
allein
die Seele
schmachtet
verachtet
genagelt
ans Gipfelkreuz
bis das Blut
gerinnt
der Körper
von Neuem
zu rennen
beginnt

 

 

 

Beim Coiffeur

coiffeur

Schäumende Haare
Shampoo Düfte
weiche Hände
massierend
kreisen
den Kopf
entleeren
auf wundersame
Weise…
Wer dreht das
Gedanken –
volumen
auf
leise?

Genüsslich
im Stuhl
locker entspannt
Glieder und
Wille…
wunderbare
Gedankenstille
………………
nur sanft
Musik
zärtlich
schlicht
Sinn und Muse
im Gleichgewicht

Bis ein
Gedankenstrich
die Hand erhebt
so leise spricht
ich acht ihn nicht
doch er erklimmt
sich schwingt
mich zwingt
zu betrachten
Einsteins
Relativität…
Meine Ruhe
ins Wanken
gerät

In 24 Stunden um die Erde wir reisen
in einem Jahr die Sonne umkreisen
rasen mit einer Million
Kilometer pro Stunde
um unsre Galaxie
unfassbar wie…
die Energie
der  Speed
das  Sausen
die Kraft
der Drall…
Wer spielt
mit diesem Ball?

Und ich
hier sitzend
verwurzelt
flitzend
an Ort
getragen
— Gratisflug
sozusagen —
wirbelnd
durch mehrere
Dimensionen…
utopische
Stillstand-
illusionen

Selbst wenn wir
rasen, rennen
Ziele bekennen…
Das Welttachometer
nichts registriert
von diesen Meilen
als ob an Ort
wir nur verweilen
keine Strecke
sondern in Schlaufen
kreisend laufen…wie
die Erde auf ihrer Bahn?
Unmenschlicher
Grössenwahn

“Gehts ihnen gut?”
fragt eine Stimme
das Tuch um meine
Haare legend.
”Schon vorbei?”
meine Augen fragen,
“das kommt davon”,
die Sinne sagen
“dein Körper hier
doch leer
Gedankenblitze
kreuz und quer.”
Einstein zwinkert:
“Na, bitte sehr”

Die Lücke

 

Lücke

 

Mut zur Lücke
hat seine Tücke
Wer wagt und springt
–der Sprung misslingt–
im Loch versinkt
ein anderer
die Lücke füllt

Dann wiederum
mancher aufgewühlt
als Lückenbüsser
sich fühlt
–die Rolle eine Bürde–
ein Loch in der Erde
begrüssen würde

Oder jener der
unverhofft
geht und zu spät
versteht:
–die Moral in Stücke–
Er hinterliess
keine Lücke

Glücklich wer
zur richtigen Zeit
eine Lücke sieht
–ob dünn oder breit
Frau oder Mann–
und diese nahtlos
schliessen kann

 

Allen eine lückenlose Woche wünsche ich.

Tauwetter

Schneesturm

 

 

 

 

Eingetaucht
in dunkler Nacht
durch Schneegestöber
sausend fahren
du und ich . . .
Nebellichter
die Wege weisen
tanzende Flocken
energisch treiben
in wildem Tango.

Stoisch verankert
kahle Bäume
sippen
wippen
Schneevorhänge
kraftvoll
knicken
müden
Rädern
eifrig nicken

Frost zerkratzt
metallne Türen
tätowiert Kristalle
kalt
an unsre
Scheiben
eisern
drohend
Unruhe tobt . . .
da draussen

Im Innern . . .
eingefrorene
Gedankenfalten
langsam
stetig
wundersam
der heissen Lüftung
weichen
warm sie schmelzen
in den Augenblick

Aufgelöst losgelassen
abgelegt . . . sanft
ein Lächeln entsteht
im Hier und Jetzt
in diesem Augenblick
den Moment einatmen
tief ins Herz
im Kopf still stehen
Bilder sammeln
für die Ewigkeit

Ich lausche den Worten
die leicht und munter
auf deinen Lippen
tanzen
höre Müdigkeit
dich streicheln
sehe in deinem
schlafenden Gesicht
die Welt dich
liebevoll umarmen

Und ich verstehe:
Nichts steht
zwischen uns
kein Druck
kein rauher Wind
nur Nähe
Beziehung
herzlich warm
wohlgesinnt
Mutter und Kind.

 

Der Apfel

apfel


Der Apfel,
der arme Tropf,
auf Wilhelm
Tells Sohns Kopf
durchbohrt
mit einem Pfeil–
nicht das erste Unheil,
das dem Apfel beschieden,
obwohl…

vor dem Sündenfall benieden,
wie die Bibel erzählt,
als Allwissend ausgewählt,
hing er glücklich
im Paradiese,
bis die Schlange, die fiese
alles vermasselt,
Eva so lang bequasselt,
bis sie Gottes Verbot vergisst,
den omnipotenten Apfel isst.

Als der Apfel
–via Verdauung–
auf die Erde kommt,
wird ihm doch prompt
das Überirdische verwehrt…
seitdem als gewöhnliche
Frucht verzehrt.

Schlimmeres Schicksal
sein Bruder ereilt,
der anfangs glücklich
im Olymp verweilt.
Im goldenen Mantel verehrt,
auf höchster Stufe begehrt,
wird entschieden,
die schönste Göttin
soll ihn bekommen,
die Idee (damals wie heute) unbesonnen,
denn jeder weiss, wie fatal–
drei Frauen in der engeren Wahl!
Bald diese sich streiten,
Zickenkriege
sich ausweiten…
und dann…
als Aphrodite
den Apfel gewinnt,
der Trojanische Krieg
seinen Anfang nimmt.

Weil der Apfel
–obwohl ungewollt–
Disharmonie streute,
ist er als Zankapfel
berüchtigt bis heute.

Ein anderer Apfel
wird gesandt
–für Forschungszweck–
ins Märchenland.
Eine Königin
dort herrscht,
die sich keinen Deut
um Regeln schert.
Um die Schönste zu bleiben
im ganzen Land,
sie Gimmicks erfindet,
damit Schneewittchen
für immer verschwindet–
Zuletzt zur Mordwaffe
den Apfel verwandelt,
indem sie ihn
mit Gift behandelt.

Schneewittchen –wider
besseres Wissen–
beisst zu…
schluckt ein Stück
und nur dank Glück
bleibt der Apfel
im Halse stecken–
was
Prince Charming erlaubt,
sie wieder zu wecken,
indem
die Diener stolpern
und durch das Holpern
das Apfelstück sich löst…
Der Apfel, entblösst,
kommt in Not,
denn dem Rot
in seiner Haut
wird von nun an
gänzlich misstraut.

Im mittelalterlichen Gezänk
haben die Nachkommen auf Erden
auch so ihre Beschwerden:
Sie werden beschuldigt,
die Süsse nicht gehuldigt,
unreif gepflückt,
den Kriegsverletzten zum
Operieren
Amputieren
Kooperieren
zwischen die Zähne gesteckt.
Seitdem soll “Unangenehmes
tun müssen” heissen:
“In den sauren Apfel beissen.”

Aber
ein Apfel hat Karriere gemacht,
es bis zum Big Apple geschafft,
mit seinem Ruhm–obwohl famos–
wird auch der Druck erdrückend gross.

Sein Neffe als Logo abgebissen,
die Computerwelt an sich gerissen,
ziert Wände, Laptops, Handy Gehäuse–
schleichend liebgewonnene Seuche!
Rund um die Uhr….
Stress pur.

Ein Sonderfall ist
jener Apfel,
ängstlich behütet
und beschworen,
nachdem zum Aug-
apfel auserkoren.

Kein Wunder wird’s
den Äpfeln zu viel,
ihr Multitasking
kein Kinderspiel,
und so…entkräftet
sie hängen und dann
fallen sie
nicht weit vom Stamm.

 

by Priska Pittet

dinner for six

melody-
Yo, I’ll tell you what I want, what I really really want…”, singt Anna, als sie sich zu uns an den Tisch setzt. Dabei bewegt sie ihre Hand im Takt. Eine Weile hören wir ihr zu.
“Okay”, sage ich schliesslich, “bitte Musik abstellen.”
Anna verstummt, doch im nächsten Augenblick hören wir erneut: “Yo, I’ll tell you what I want, what I really really want…”
Ich: “Off, please!”
“Sorry”, sagt Anna, als ihr bewusst wird, dass sie wieder zu singen angefangen hat.

Wenn ich Anna suche….Ich muss den Satz nochmals anfangen, denn seit ein paar Monaten suche ich Anna nicht mehr, weil ich–ungewollt–ein GPS bekommen habe, das mich mit 100 prozentiger Treffsicherheit und mit “schnellstem Weg” Garantie zu ihr führt. Ob in der Waschküche, im Keller, im Garten, im Badezimmer, in der Küche oder in ihrem Zimmer: Wo Musik läuft, finde ich Anna. Irgendwie praktisch, aber irgendwie…

“Seufz”

“Was habt ihr heute in der Schule gemacht?”, fragt Mike, als Ruhe eingekehrt ist.
“Heute in der Mathestunde ist etwas….”, fängt Tobias an, als leise das Hintergrundlied ertönt: “Yo, I’ll tell you what I want, what I really really want…”
“Nicht schon wieder”, stöhne ich.
Anna: “Sorry, mache ich nicht extra. Ist einfach ein cooles Lied.”
Tobias: “Was ist cool?”
Anna: “Dieses Lied.”
Anna macht den Mund auf….
“Off!“, rufen Mike und ich im Duo.

Tobias fängt nochmals an: “Also heute in der Mathestunde hat Max…”
Mia: “Was heisst Mathe?”
Tobias: “Rechnen….Max ist also aufgestanden, und als Frau Studer ….”
Mia: “Also wie zwei und zwei?”
Tobias: “Ja, wie zwei und zwei… Frau Studer hat nicht gemerkt, dass…”
Mia: “Frag mich eine Rechnung.”
Tobias: “Was gibt drei plus drei?….Max nicht mehr am Platz…”
Mia: “Drei plus drei?”

“Lass Tobias zu Ende erzählen”, sagt Mike und schaut Tobias aufmunternd an.
Tobias: “Nicht so wichtig.”
Mike: “Doch”
Tobias: “Es ist eigentlich schon fertig. Max musste dann nachsitzen, weil Frau Studer ihn…”
Mia: “Sechs!”
Tobias: “Ja genau…doch noch erwischt…”
“Kannst du mich morgen früher wecken oder muss ich selber den Wecker stellen” fragt Lea, die bis jetzt geschwiegen hat, aus dem nichts heraus.
Ich: “Hast Du zugehört, was Tobias erzählt hat?”

Obwohl Lea in ihren eigenen Gedanken versunken gewesen war, hat sie die Worte von Tobias gespeichert und kann sie wortwörtlich wiedergeben.
Ich: “Und? Was meinst du dazu?”
Lea: “Toll, aber sag jetzt….”
Ich: “Toll?”
Lea: “Okay, nicht toll. Tobias, wie hast du dich gefühlt?”

Tobias schaut leicht verwirrt, da hören wir Anna summen:
“Yo, I’ll tell you what I want, what I really really want…”
Fünf Augenpaare schauen Anna an.
Anna:  “Ups.”
Tobias: “Es war mir egal.”
Mia: “Frag mich nochmals eine Rechnung.”
Lea :“Wäre 6:30 Uhr wecken okay?”
Tobias: “Was gibt sieben plus zwei?”

Ich: “seufz”

Anna: “Kennt ihr Ed Sheeran?”
Mia: “Wer ist edschin?
Anna: “Ein cooler Sänger.”
Und schon schon hören wir Anna “Shape of You” singen.
Wir stimmen mit ein, laut und schräg, aber wenigstens gemeinsam….bis Anna lachend ruft:
“Ihr singt falsch, off….off….off please!”

Im Deutschkurs

terror frieden (1)

Im Deutschkurs
in Dreiergruppe
sitzen sie…
sie?
die Männer und Frauen
aus Syrien, Ägypten
Iran, Litauen
etc.

etc.?
für uns so leicht geschrieben,
das Kürzel vermischt
als “Flüchtlingsproblem”
aufgetischt, verschwindet
ein Schicksal im Räderwerk
der Floskel “hart,
aber…”

aber?
bemerke ich
den Mann der mit
zwei Frauen spricht?
Gemeinsamkeiten
sucht?, so das Ziel,
es gibt nicht viel,
doch er…

er?
Samir aus Iran
präsentiert, was die
Gruppe gefunden:
“Wir drei sein gegen
Krieg”,
die Klasse schwieg.
Und ich…

naiv!
“alle sind gegen Krieg.”
“Nicht alle, NEIN”,
seine Stimme versagt,
die Wahrheit trifft
wie ein Schlag,
sein Schmerz so echt,
“Verzeihen Sie…,

Sie haben recht.“

An meine Tochter

rose

lachende
Schritte
wunderschön
im violett
Kleid
für den
Abschlussball
bereit

ein Strahlen
huscht über
dein Gesicht
als für einen
kurzen Moment
du meinen
Blick
erkennst

Bewunderung
in meinen
Augen siehst
mich flüchtig
in die Arme
schliesst und
“danke” formst
mit deinen Lippen

“du bist…wunderschön…”
mehr konnte ich
nicht sagen
denn schon
dein Kinn
sich dreht
zur besten
Freundin hin

aufgeregt
die Hormone
auf deiner Haut
tanzen
als du in die
Zukunft lachst
… wo das Mädchen?…
fast über Nacht

die Metamorphose
und nun vor mir
mein Kind
die junge Frau
blühend
mit lockigem
braunen Haar
und ich schau

dir nach
wie du freudig
beflügelt
hoffnungsvoll
ins Leben springst
mein Herz stolz singt
und doch…Wehmut mitklingt

 

Sommerpause steht an:

ferien

Habt eine schöne Zeit. Macht’s gut!!!

Alzheimer

Alzheimer

Gespräch zwischen Kind und Mutter:


ich weiss nicht,
wie…,
ob sie versteht

nicht konkret

welche Worte?
wie erklären?
ohne zu erschweren…

die Familiären

was sie wohl dachte
als ich…
die Autos brachte…?

Freude erwachte

nach jeder Runde
zeigte ich erneut das Spiel,
es blieb nicht viel…

was blieb,
das warme Gefühl

wie weiss ich…
sie hat zwar mitgemacht,
aber….?

sie hat gelacht

für mich
nicht ersichtlich…
mach ich’s richtig?

du versucht’s,
das ist wichtig

schau…
mir
geht es
wie dir…

ich weiss erst
ob’s ihr gefällt
wenn sich ihr
Gesicht erhellt…

es gelingt
nicht immer
aber nichts tun
ist schlimmer…

sie spürt
deine Wärme
da bin ich sicher
wie eine Laterne

die- obwohl sie die Nacht
nicht erhellen kann-
wie eine Hand in Freundschaft
mit ihr geht den Weg entlang…

du meinst, so muss
sie nicht allein
im Dunkeln sein…

wir geniessen sie obendrein

kein vorher
kein nachher
das ist schwer…

der Moment zählt umso mehr

sie trug
mich im Arm,
hat viel
getan

mich
gehalten
geliebt
begleitet

die Liebe nicht entgleitet

ja, nur anders…
ich verstehe…
den Weg mit ihr
sehr gerne gehe

ich spüre
ganz klar
ihre Liebe
ist noch da