Katzen: das Kleingedruckte, Teil II

tom-and-jerry

(Ende von Teil 1: Und so bekamen wir Ende der Sommerferien 2015 zwei schwarz/weisse, spitzköpfige, kurzhaarige Kater. Ich konnte mir ein innerliches Seufzen nicht verkneifen.)

Schon bald konnte ich mich nicht mehr an meine Wunschliste erinnern. Diese zwei Wesen hatten mein Herz erobert.

Im Keller hatten unsere Vorgänger ein Katzentürchen installiert, so dass wir dieses nur aufzuschliessen brauchten. Leider befindet sich das Katzentürchen auf drei Meter Höhe im Weinkeller, dessen Bodenfläche einen Quadratmeter beträgt, was heisst, dass wir keine fixe Katzenleiter an der Wand anbringen konnten, denn sonst hätten wir den Weinschrank nicht mehr öffnen können.

Deshalb stellte Mike den Katzen ein Provisorium zur Verfügung:

  1. a) eine kleine Bockleiter, die den Sprung auf den Weinschrank erlaubte.
  2. b) Treppenartig aufgestapelte Kartonkisten (auf dem Weinschrank), die den Zugang zum Katzentürchen ermöglichten.

“Solange die Katzen keine Arthrose haben, sollte das gehen”, sagte ich den erstaunt dreinblickenden Kindern.

Wochenlang ging es gut. Dann musste irgendetwas Baloo erschreckt haben, denn auf einmal weigerte sich dieser Kater, das Tor zur Freiheit zu erklimmen. Ein paar Tage machte ich ihm die Haustüre auf, wenn er das Haus verlassen wollte. Dito beim Hineinkommen.
“Bist du sein Butler?”, sagte Mike kopfschüttelnd, “das ist doch kein Zustand.”

Am nächsten Tag, es war Wochenende, packte Mike den Kater und verschwand im Keller. Zwei Minuten später kam er wieder mit Baloo zurück.
“Priska, ich brauche deine Hilfe.”
Ein Kratzer schmückte Mikes Stirn.

Mike hatte bereits einen neuen Plan geschmiedet und schickte mich mit Baloo in den Keller, während er sich Schuhe und Jacke anzog, um in den Garten zu gehen. Auf der Bockleiter stehend, hievte ich den Kater auf die höchste Kartonkiste, die ich mit meinen Armen erreichen konnte. Mike versuchte vom Garten aus, die Katze durch das Katzentürchen zu locken. Weil Baloo die Kooperation verweigerte, musste ich die grosse Stehleiter holen, um den Kater manuell durch das Katzentürchen zu bugsieren. Mike nahm ihn auf der anderen Seite entgegen. Das Gleiche erfolgte nun umgekehrt.
“Warum mache ich das jetzt?”, fragte Mike, nachdem wir Baloo x-mal hin und her geschickt hatten.
“Weil Du ein Schatz bist.”
Ich meinte es ernst.

Baloo ging seitdem wieder zum Katzentürchen hinaus. Leider kam er nicht immer alleine zurück. Manchmal brachte er Mitbewohner, die wir erst beim Streicheln bemerkten. Als Lara die erste Zecke entdeckte, war ich leicht überfordert. Lara auch.
“Nicht weil ich nicht helfen will”, rang sie um Verständnis, “sondern weil ich nicht kann.”
“Jemand muss die Katze festhalten, während ich die Zecke herauszupfe”, versuchte ich sie zu überzeugen, “und da niemand ausser Dir hier ist…oder soll ich halten und du ziehst die Zecke heraus?”

Wir einigten uns auf die erste Variante: Lara hielt und ich zog. Wir schrien auf, als Baloo zuckte. Dann hielt ich einen kopflosen Zeckenkörper zwischen der Pinzette.
“Bravo Mami. Jetzt wird Baloo vielleicht krank.”

Die Tierarzthelferin am Telefon beruhigte mich:
“Nein, Sie müssen nicht ins Tierspital….nein, Sie müssen nicht vorbeikommen…. nein, Sie brauchen den Zeckenkörper nicht aufzubewahren…”
Ich hörte die Tierarzthelferin insgeheim seufzen, neurotische Katzenbesitzerin.

Unterdessen habe ich gelernt, fast einhändig unerwünschte Mitbewohner zu entfernen und fühle mich dabei sehr professionell. Doch Baloo und sein Bruder, Schnurrli, stellten mich auf weitere Proben, denn durch das Katzentürchen kamen auch Geschenke in Form von toten Mäusen und leblosen Vögeln. Einmal liess ich mich verleiten und erlaubte Schnurrli, den toten Vogel zu behalten. Als ich von der Stadt nach Hause kam, begrüssten mich überall kleinste Flaumfedern, die mich tagelang verfolgten. Wie Konfettis klebten diese kleinen Federchen am Teppich fest, versteckten sich in Ritzen und hafteten an Kleidern. Seitdem sind dahingeschiedene Gäste in unserem Haus unerwünscht.

Dann kam der Tag, als mich Lara aufgebracht anrief:
“Mami, eine Maus oder ein Vogel… hinter dem Büffet… Schnurrli kommt nicht ran…was soll ich tun…?”
“Lebt es noch?”, fragte ich und war froh, nicht zu Hause zu sein.
“Weiss nicht, aber Schnurrli kauert vor dem Büffet…”
“Sperr Schnurrli in ein Zimmer ein und schaue nach, ob es noch lebt.”
“Nie und nimmer. Was, wenn es verletzt ist?”

Lara fand doch den Mut, das Büffet nach vorne zu ziehen.
“Eine Maus! Ich mache gar nichts mehr.”
“Musst Du nicht. Ich schaue, wenn ich nach Hause komme.”
Seufz. Wieso ich???

“Sie hat sich bis jetzt kein bisschen bewegt”, begrüsste mich Lara.
“Dann wird sie tot sein.”
Um sicher zu sein, berührte ich die Maus vorsichtig mit einem Besenstiel. Wie vom Blitz getroffen, rannte sie davon.
“Mami, pack sie”, rief Lara.
“Mit blossen Händen?” Nie und nimmer. Ich rannte in die Küche und holte ein Abtrocknungstuch. Lara zeigte mit ihrem Zeigefinger auf den Vorhang, unter dem sich die Maus verkrochen hatte. Ich zog den Vorhang auf die Seite und warf das Abtrocknungstuch über die Maus.

“Du musst sie packen”, meinte Lara.
Kann nicht, wollte ich sagen, aber die Worte waren noch nicht ausgesprochen, als die Maus unter dem Tuch hervorschnellte, in die Küche raste und, bevor ich mich versah, im Spalt zwischen Küchenwand und Geschirrspülmaschine verschwand.

Ich war entsetzt. Meine Familie auch.
“Die Maus wird sowas von stinken”, meinte Mike am Abend, “wenn sie in diesem Loch stirbt. Warum, sagtest du nochmals, hast du sie nicht fangen können?”
Die Kinder schauten mich vorwurfsvoll an.
“Die arme Maus”, seufzten sie und legten ihr Käse und Wasser vor den Spalteingang.
Baloo und Schnurrli verbrachten die Nacht vor dem Mauseloch. Na super.

Zwei Tage später entdeckte Anna die Maus im Gang. Kreischend rannten die restlichen Geschwister herbei, um den Katzen Tür und Tor zu schliessen. Anna hob die Maus auf und legte sie in eine Ikea Kiste. Wir waren ihr soo dankbar und feierten sie als Heldin. Mia und ich brachten die Maus in den nahegelegenen Wald.

Seitdem gründen wir alle paar Tage eine neue Mäusekolonie im Wald. Ich hätte nie gedacht, dass es in unserer Agglomeration noch so viele Mäuse gibt.

Doch das Schlimmste stand noch bevor.

15 Kommentare zu „Katzen: das Kleingedruckte, Teil II

  1. eine tolle Geschichte, liebe Priska
    und jeder Katzenbesitzer, der eine Katzentür hat,
    kann sie sich wundervoll und ziemlich genau vorstellen.

    Das mit Maus und/oder Vogel habe ich auch alles erlebt 🙂

    Lieber Gruß von mir

    Gefällt mir

  2. Als Single habe ich heute keine Mitbewohner mehr. Aber in dem Leben zuvor da gab es zum Ende hin 5 Mitbewohner der katzenartigen Fraktion. Wir verstanden uns alle ausgezeichnet (zumindest was die Relation Katze-Mensch und umgekehrt betraf).
    Was mir immer gefallen hat, war, dass die Katzen/Kater ihren eigenen Kopf lebten. Und auch ich habe mir stets die Freiheit genommen, dass zuerst ich kam, und DANN die Katzen. Und ich denke, das wurde auf der anderen Seite auch so akzeptiert.

    Gefällt 1 Person

  3. Du beschreibst wunderbar die Gründe, weshalb wir keine Katzentür haben und auch das Dachfenster geschlossen bleibt … 🙂 Was nicht heißt, dass es noch nie lebende Mäuse über die Schwelle geschafft hätten. Man ist ja lernfähig.
    Danke, ich habe mich sehr amüsiert.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

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