Das Kleingedruckte: Teil III

katze3

Das Schlimmste stand noch bevor.

Wieder einmal fand ich es verdächtig, wie lange sich Baloo am gleichen Ort aufhielt….diesmal neben dem Katzenklo.
“Ich hoffe, Baloo hat keine Maus”, seufzte ich laut.
Tobias lief sofort zum Katzenklo. Ich folgte widerwillig. Unsere Anwesenheit nicht beachtend, fixierte Baloo mit seinen Augen den Sack Katzenstreu, der neben dem Katzenklo lag.
Ich hob den Sack auf.

Iiih”, hörte ich Tobias rufen, “die Maus blutet! Sie ist verletzt! Sie atmet noch!”
Ich legte den Sack auf die Seite und begutachtete die Maus.
“Sie ist tot, Tobias.”
“Sie atmet.”
“Sie ist tot.”
Ich habe sie atmen sehen”, insistierte Tobias.
Bitte nicht, dachte ich, während ich mich zur Maus beugte.
Sie atmete tatsächlich!
Mist.

“Mach etwas”, flehte Tobias und rannte heulend die Treppe hoch zu seinem Zimmer. Anna kam eben von der Schule nach Hause und hörte die Aufregung.
Sie nahm mir das Geschirrtuch, das ich soeben aus dem Schrank geholt hatte, aus der Hand und meinte ruhig:
“Ich mache das.”
“Die Maus blutet”, warnte ich Anna.
“Ich mache es.”
Mit diesen Worten lief Anna zum Katzenklo. Kurze Zeit später hörte ich:
“Ich kann nicht….Irgendetwas kommt aus ihrem Körper raus. Das habt ihr nicht gesagt….”
Tatsächlich schaute etwas Langes aus dem Unterteil der Maus.
“Das muss ein Stück Darm sein”, sagte ich entsetzt.
Anna überreichte mir grosszügig das Tuch.
“Du machst das.”
Verflixt.

Ich berührte die Maus zaghaft. Wie vom Blitz getroffen, rannte sie Richtung Küche davon.
Nur nicht wieder ins Küchenloch, schoss es mir durch den Kopf. Zielstrebig rannte ich davon, stellte mich in der Küche vor den Spalt, in das sich schon einmal eine Maus geflüchtet hatte, und war fest entschlossen, den besagten Spalt vor dieser Maus zu verteidigen. Die Maus machte eine Kehrtwende und rannte ins Wohnzimmer. Nach einem Zick-Zack-Kurs über den Teppich und über Mias Barbies, die auf dem Teppich Kaffeekränzchen hielten, peilte die Maus den Vorhang an.

Blut! Mikes Teppich, Mias Barbies, mein Vorhang. Ich dachte in Bildern, erschreckenden Bildern. Ich musste diese Furie stoppen. Instinktiv bückte ich mich und packte die Maus.
Dann legte ich sie in einen Karton, wo sie sich nicht mehr bewegte.

Es war 12:30 Uhr. Die vier Tierärzte in unserer Nähe machten allesamt Mittagspause.
Man sollte den Katzen beibringen, diese Zeiten zu respektieren, dachte ich frustriert, denn nun stand ich zwischen einem Karton, in dem eine leidende Maus steckte, und Tobias, der mich inbrünstig bat, etwas zu tun.
“Irgendetwas, Mami.”
“Wir sollten die Maus töten, dann leidet sie nicht mehr.”
Es wäre das Humane gewesen, aber ich konnte es nicht…

Ich stellte die Kiste an einen sicheren Ort und ging zurück ins Wohnzimmer, das nun eher einem Schlachthof glich. Wie kann eine Maus so viel Blut verlieren und noch herumrennen? Das Blut war teilweise eingetrocknet, was das Putzen nicht erleichterte. Doch das ultimative Highlight: ein Stück des Darmes, das auf dem Parkett des Wohnzimmers klebte und wie ein in die Länge gezogener Regenwurm aussah.

Ich ass wenig zu Mittag. Tobias auch. Seine Schwestern waren nicht da. Lara und Mia waren bei Freundinnen, Anna musste schon früher in die Schule und hatte sich deshalb ein Sandwich für “auf den Weg” zubereitet.
“Sorry, Mami. Kann dir nicht helfen”, hatte sie noch gerufen, bevor die Haustüre zuging.

Um Punkt 14:00 Uhr übergab ich die Maus einer Tierarzthelferin, die mir liebevoll die Kartonkiste abnahm.
Wieder zu Hause, putzte ich seufzend das Gröbste weg.

Als die Kinder am Nachmittag heimkehrten, bekamen sie Schrubber und Besen, einen Eimer Essigwasser und Putztücher in die Hand gedrückt.
Wortlos fügten sie sich ihrem Schicksal, und gemeinsam schrubbten wir Teppich, Küchenboden und Parkett.

“Wir hätten das Kleingedruckte lesen sollen”, seufzte ich an diesem Abend mehrmals, “denn dort wären folgende Nebenwirkungen aufgelistet gewesen:

Katzen können ekelerregende Mäuserückstände auf Ihrem Teppich hinterlassen.Ebenso auf Ihrem Parkett.
Ebenso an Ihrem Vorhang.
Ebenso….

“Yep”, stimmte mir Mike zum xten Mal zu, “aber sieh es von der positiven Seite. Mein Teppich hat noch nie so schön geleuchtet wie heute.“

20 Kommentare zu „Das Kleingedruckte: Teil III

  1. ach, ach, ach, liebe Priska, dermaßen schrecklich habe ich es nie erlebt. Du bist toll damit umgegangen und die gemeinsame Putzaktion hat allen gutgetan.
    Auch dem Parkett und offensichtlich besonders dem Teppich 🙂

    Sehr herzlich
    Bruni am verschneiten Dienstagmorgen

    Gefällt 1 Person

  2. Auch wenn Katzen nur ihren Job machen, es ist einfach nur brutal und widerlich. Meine Mutter sass immer auf dem Küchentisch, und hätte ich heute eine Katze…ich würde wohl auch auf dem Tisch sitzen und warten bis Hilfe kommt….

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  3. OmG, da bin ich aber froh – öh, das klingt jetzt irgendwie herzlos – aber ich bin trotzdem froh, dass die Mäuse einen Hundebiss in der Regel nicht überleben. Jedenfalls nicht lange. Und Hunde erlegen die Mäuse gleich draußen auf dem Feld und bringen sie nicht mit nach Hause. 🙂 Pepper, mein vorheriger Hund hat zweimal eine Maus im Ganzen runtergeschluckt, bevor ich sie ihm abnehmen konnte. Einige Zeit später musste er dann eine Wurmtablette schlucken …
    Der kleine Felix hat letztes Jahr auch schon ein kleines Mäuschen erlegt. Eine Babymaus. *schnüff* Er hatte sie komplett im Maul, dass ich erst gar nicht gesehen habe, dass er was im Maul hat. Zum Glück schlingt er nichts einfach so runter, so konnte ich sie ihm aus dem Maul holen. Für das Mäuschen kam aber jede Hilfe zu spät, sie rührte sich nicht. Ich hoffe, das bleibt das einzige Mauserlebnis mit Felix. 🙂

    Klasse geschrieben, ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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  4. Iiiiieeeeh! Wir hatten mal einen Kater, der Kaninchen fing. Da aber eines zu viel war für eine Mahlzeit, ließ er die zweite Hälfte sehr dekorativ auf dem Abstreifer vor der Terrassentüre liegen. Deine Geschichte erinnert mich sehr! *schüttel*

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